Prolog
Lenny
Meine Nase zog sich hoch bei dem komischen Geruch, der von meiner Mummy kam. Sie roch nie wie die anderen Mummys, die ich auf dem Spielplatz gesehen hatte, die wenigen Male, wenn ich hatte gehen dürfen. Während ich meinen Daumen in meinen Mund nahm, fragte ich mich, ob es daran lag, dass deren Kleidung immer sauber aussah und unsere nicht.
Mummy sagte oft, dass es Zeitverschwendung war, Sachen zu waschen, wenn sie nur wieder schmutzig wurden. Ich dachte insgeheim, dass es schön wäre, Dinge zu haben, die besser rochen als schmutzige Socken, aber das würde ich Mummy niemals sagen. Das letzte Mal, als ich etwas Dummes gesagt hatte, hatte mein Hintern noch Tage nach der Tracht Prügel geschmerzt, die sie mir verpasst hatte.
Schniefend wischte ich mir die Nase an meinem Ärmel ab, während die Schmerzen in meinem Bauch schlimmer wurden. Der Geruch war der Allerschlimmste. Jedes Mal, wenn ich meinen Mund öffnete, schien er sich einzuschleichen und mir wurde schlecht. Ich hob meine Hand, bedeckte meinen Mund. Leise seufzend machte ich vorsichtige Schritte über den knarzenden Boden. Ein Geräusch zu machen, wenn Mummy schlief, war eine weitere Regel, die ich versuchte, nicht zu brechen, vor allem nicht, nachdem der Mann mit den grauenvollen Zähnen und dem stinkenden Atem hier gewesen war.
Ich weiß nicht, was in den kleinen Tüten ist, die Mummy bekommt, aber es ist nicht gut. Es verändert meine Mummy. Ihre Augen fangen an zu leuchten und zu glänzen, bevor sie gemein werden.
Als ich gesehen hatte, wie der Mann gekommen war, hatte ich mich auf dem Dachboden versteckt, weil ich wusste, dass Mummy nicht all die Stufen nach oben gehen wollte, um zu sehen, wo ich war. Ich musste eingeschlafen sein, weil es hell gewesen war, als ich auf den Dachboden gegangen war, und jetzt war es hinter dem Fenster dunkel.
Zögernd machte ich einen weiteren Schritt auf Mummy zu, schaute auf sie hinunter. Sie schlief manchmal gern auf dem Boden. Wir hatten keine Betten. Wir schliefen auf den weichen Sofas, die überall in den Räumen des Hauses herumstanden. Mummy hatte dieses Haus für uns gefunden, nachdem die Männer gekommen waren und uns gesagt hatten, dass wir in dem Gebäude davor nicht bleiben konnten. Ich bin mir nicht sicher, in wie vielen Gebäuden wir gewesen sind, aber es waren viele. Dieses hier war dunkler als die anderen. Ich nahm an, das lag an all den Brettern, die die Fenster bedeckten. Ich war nur froh, dass es wärmer war als die letzten paar Orte. Es gab keine Löcher in den Fenstern oder dem Dach. Vielleicht half das?
Ich beugte mich näher zu Mummy, mein Brustkorb schmerzte, weil ich den Atem anhielt. Mummy bewegte sich nicht. Meine Hände zitterten, als ich meine Mummy anblinzelte. Sollte ich Mummy anfassen? Ich kaute auf meiner Lippe und mein Magen hüpfte schneller, als wenn ich Himmel und Hölle spielte.
War Mummy mit dem Gesicht nach oben oder unten? Meine Augen schmerzten von dem Versuch, das Gesicht meiner Mummy zu sehen. So komisch, wie ihr Körper verdreht war und ihre Haare ihr Gesicht bedeckten, konnte ich mich nicht entscheiden, ob sie nach oben schaute oder nicht. Tat Mummy nur so, damit sie mich wieder schlagen konnte?
Ein Schauder raste über meine Haut. Nein, ich werde warten, bis Mummy aufwacht. Ich trat zurück und setzte mich auf den Boden. Es war besser zu warten, bis sie aufwachte.
Ich versuchte, nicht auf den nackten Dielen herumzurutschen, aber mein Hintern fühlte sich seltsam an und ich konnte meine Beine nicht spüren, weil ich so lange gesessen war. Vielleicht sollte ich aufstehen? Als ich zum Fenster schaute, hatte sich das Licht, das durch die Bretter kam, verändert. Der Himmel wurde heller durch die winzigen Lücken in dem Holz, das das Fenster bedeckte. Mein Bauch war wirklich wund, der Schmerz schlimmer als zuvor.
Ich rieb über meine feuchten Augen und versuchte nicht zu wimmern. Ich schaute zu den Schränken und dann zurück zu Mummy. Wäre Mummy wütend, wenn ich mir etwas aus dem Schrank holte?
Ich saugte an meinem Daumen und versuchte, durch meine Nase zu atmen. Der Husten fing wieder an und ich konnte es nicht stoppen. Er kam oft und Mummy sagte immer, dass ich mit dem Lärm aufhören sollte. Ich ließ meinen Daumen los und legte mir eine Hand auf den Mund. Nein, nein, mach keinen Lärm.
Mein Körper hörte nicht auf mich und ich fing an zu weinen. Der Husten schmerzte in meinem Brustkorb und mir wurde schlecht. Ich achtete darauf, ob Mummy aufwachte, nur für den Fall, dass sie schlechte Laune hatte. Als ich schlucken konnte, ohne zu husten, wischte ich mir über die Augen und blinzelte langsam. Mummy war nicht aufgewacht.
Ich konnte nicht genügend Luft in meinen Brustkorb bekommen, etwas stoppte sie. Ging es Mummy gut? Ich kroch über den schmutzigen Boden. Meiner Nase gefiel der Geruch nicht, der von Mummy ausging. Ohhh, das war schlimm.
Etwas in mir sagte mir, dass Mummy sehr krank war. Meine Hände zitterten, aber ich schüttelte dennoch Mummys nackten Arm.
„Iiiihh“, murmelte ich leise. Sie war so kalt, dass es meinen Fingern wehtat. Die Kälte ihrer Haut fühlte sich seltsam an.
Warum war Mummy blau? Ich kam noch näher und gab mir Mühe, nicht zu atmen. Ich schob die Haare weg, um ihr Gesicht zu sehen.
Die leeren Augen starrten mich an und ich fing an zu zittern. Ich zwang meine Beine, sich zu bewegen. Mein Brustkorb bewegte sich so schnell, dass es sich komisch anfühlte.
„Oh, Mummy.“
Etwas sagte mir, dass Mummy nicht aufwachen würde, obwohl ihre Augen offen waren. Sie war nicht wach und sie schlief nicht, nein, sie war tot. Ich hatte gesehen, wie einer der Männer in einem der Häuser, in denen wir gewohnt hatten, so ausgesehen hat. Mummy hatte gesagt: „Sobald man tot ist, ist man tot.“ Die Worte hallten in meinem Kopf.
„Mummy ist tot. Meine Mummy ist tot. Oh, Mummy“, schniefte ich und Rotz kam aus meiner Nase. Ich saß auf dem Boden und weinte. Ich schlang meine Arme um mich und wiegte mich vor und zurück. Was werde ich ohne meine Mummy machen?
Ich war nicht dumm. Ich wusste, dass das nicht gut war und dass sich jetzt niemand um mich kümmern würde, nachdem Mummy weg war. Nicht, dass Mummy sich wirklich gekümmert hatte. Sie hatte oft gesagt, dass ich eher nervig war. Aber ich hatte nie jemand anderen gehabt, darum hatte ich mich daran gewöhnt, auch wenn es in meinem Brustkorb wehtat, sie das sagen zu hören.
Der Himmel wurde heller, während ich dasaß, unsicher, was ich tun sollte. Meine Mummy ließ mich nie allein rausgehen, obwohl sie mich viele Male allein im Haus gelassen hatte. Mir war gesagt worden, dass ich niemals allein rausgehen durfte.
Was, wenn der schlimme Mann zurückkommt und Mummy findet? Würde er mich mitnehmen und dieselben Dinge tun, die er mit Mummy gemacht hatte?
Ich hatte durch die Türspalte gesehen, was der schlimme Mann mit meiner Mummy gemacht hatte. Die Erinnerungen an die schrecklichen Geräusche, die sie von sich gegeben hatte, während sie vor Schmerzen geschrien hatte, brachten mich auf die Beine. Ich wischte mir mein feuchtes Gesicht und meine Rotznase mit dem Ärmel ab.
Auf zittrigen Beinen ging ich zur Tür. Ich schaute über meine Schulter zurück. Für Mummy ist es zu spät. Geh, bevor der schlimme Mann kommt.
Ich brauchte keine weitere Aufmunterung und ging zur Tür, griff nach oben, um die kleine Sperre zu lösen, die Mummy angebracht hatte, damit keine Leute mehr hereinkommen konnten. Würde Mummy kommen und mich davon abhalten zu gehen?
Hör auf, Mummy ist tot.
Ich war mir nicht sicher, warum es das einfacher machte, aber ich trat nach draußen und schaute die Straße hinauf und hinunter. Ich schauderte, als der eisige Wind durch die leere Straße blies, direkt durch meine Kleidung. Mein Körper bewegte sich jedes Mal, wenn der Wind mich traf. Ich schaute auf mein langärmeliges, schmutziges Oberteil, dann zurück zu der offenen Tür. Du hast keinen Mantel, geh einfach.
Da ich niemanden in der Nähe sah, nahm ich einen tiefen Atemzug kalter Luft. Sie schnitt in meinen Brustkorb, machte das Zittern schlimmer. Ich zögerte oben auf der Treppe, die hinunter zum Gehweg führte. Geh, es ist hier ohne Mummy nicht sicher.
Ich hörte auf die Stimme, weil sie Antworten zu haben schien, die mir fehlten. Ich packte das rostige Metallgeländer und ging die Treppe hinunter. Als ich unten ankam, ging ich weiter. Meine Hände ballte ich zu Fäusten, bevor ich sie um meinen Körper schlang, in der Hoffnung, dass dies den Wind davon abhalten würde, mich zu verletzen. Als Rotz aus meiner Nase tropfte, zwang mich das, meinen Arm zu bewegen, um mein Gesicht abzuwischen. Der Wind zerrte an meiner Kleidung. Was soll ich jetzt machen? Geh weiter und finde jemanden, der alles besser macht.
Ich stritt mich nicht mit der Stimme, sondern ging weiter und hoffte, dass die Stimme mir keinen Ärger einbringen würde.