Prolog
Isacc
Neujahr
Der Geruch von Desinfektionsmittel, zusammen mit anderen Dingen, an die ich gar nicht denken wollte, lag in der warmen Luft, als sich die Tür öffnete und eine der Krankenschwestern, die ich bereits zuvor gesehen hatte, in den Besucherwartebereich trat. Ich saß seit vier Stunden auf einem Stuhl, der nicht für einen Mann meiner Größe gebaut war, nur um die Chance zu erhalten, fünf Minuten mit Ferron zu verbringen.
Gewöhnt an das Gefühl der Enttäuschung, wenn sie andere Besucher hineinbrachten und mich dort sitzen ließen, starrte ich wieder auf die triste cremefarbene Wand vor mir. Seit Tagen kam ich hierher, um in diesem winzigen Raum zu sitzen und zu warten, der sich quälend nah an der Intensivstation befand, nur um Ferron zu sehen, ihn zu berühren und ihm zu zeigen, dass ich für ihn da war.
Du hast ihn im Stich gelassen, warum sollte es ihn interessieren, ob du hier bist?
Ich presste meine Handflächen gegen meine Oberschenkel, als der Drang, auf etwas – irgendetwas – einzuschlagen, immer stärker wurde. Meine Versprechen, ihn zu beschützen, waren ungefähr so nützlich gewesen wie ein Regenschirm bei Sturm der Stärke zehn. Sie hatten nichts dazu beigetragen, ihn zu schützen. Verdammt noch mal, nein! Ich hatte zugelassen, dass dieser Bastard, Devon, direkt vor meiner Nase hereinspazierte und mir … mir was nahm?
Was hat er mir genommen? Du hast Jahre damit verbracht, ihn zu beobachten, dich nach ihm zu sehnen, und schau, was passiert ist!
Ferron lag bewusstlos in einem Bett auf der Intensivstation, genau dort, wo er bereits seit Silvester lag, nachdem sein Ex, Devon …
»Mr. Corrigan, würden Sie bitte mit mir kommen? Wir brauchen dringend Ihre Hilfe.«
Es dauerte einen Moment, bis mir klar wurde, dass die Krankenschwester nicht zu den beiden Frauen gegangen war, die sich an den Händen hielten. Stattdessen stand sie vor mir, wobei ihr angespannter Gesichtsausdruck mich aus meinem Stuhl aufspringen ließ. »Was ist los? Ferron … Ist Ferron in Ordnung?« Die Emotionen schnürten mir die Kehle zu und ich zwang mich, die Fassung zu bewahren.
»Er wacht gerade auf und manchmal sind Menschen in einer ungewohnten Umgebung verunsichert. Aber er ist … nun ja, er ist verunsicherter, als wir erwartet hätten.« Sie sprach mit gedämpfter Stimme und forderte mich auf, ihr auf die Station zu folgen. Als sich die Tür des Wartezimmers hinter uns schloss, fuhr sie fort: »Wir hoffen, dass Ihre Anwesenheit dazu beiträgt, ihn zu beruhigen.«
Als ich ein Wimmern aus Ferrons Bett hörte, verflog jeder Gedanke daran, zu erklären, warum er nach dem, was ich auf der Aufnahme gesehen hatte, verunsichert sein könnte. Ich zögerte nicht und ging an der Krankenschwester vorbei, bevor sie noch etwas sagen konnte. Mein einziger Fokus richtete sich auf den Mann im Bett.
Sein geschundenes Gesicht war zu einem Ausdruck verzerrt, den ich hoffte, nie wieder sehen zu müssen. Seine Angst war erdrückend, während Maschinen alarmierend piepsten. Mehrere Leute standen herum, doch keiner von ihnen schien etwas zu tun, um zu helfen.
Ohne ein Wort zu sagen, ging ich zum Bett hinüber, hockte mich hin und legte meine Hand sanft um seine stark geschwollene und verletzte Wange. »Ich bin da, kleiner Mann. Ich bin da … atme tief durch«, flüsterte ich ihm sanft ins Ohr.
Als er aufgehört hatte, sich zu wehren, und schlaff gegen das Bett sank, drückte eine der Krankenschwestern einen Knopf an der Maschine, die an der Nadel in seinem Arm befestigt war. Seine Wimpern flatterten und seine Lippen öffneten sich, während sein Kiefer erschlaffte.
»Was haben Sie ihm gegeben?«, fragte ich mit angespannter Stimme, die kaum noch als meine eigene zu erkennen war. Ich stand auf und ragte über Ferrons Bett empor.
»Es ist ein Schmerzmittel«, antwortete die Krankenschwester sofort und trat näher an das Bett heran, um einen der Schläuche neu zu justieren. »Der Arzt hat zunächst gezögert, ihm eine Dosis zu geben, als er die ersten Anzeichen des Erwachens zeigte. Aber dann geriet er ein wenig in Panik, was vorkommen kann. Obwohl es so aussieht, als hätte er nur Ihre Berührung gebraucht.« Sie schenkte mir ein sanftes Lächeln.
Ich erstarrte, als ich ihr Gesicht musterte. Als ich jedoch nur aufrichtige Sorge darin sah, ohne jegliche Verurteilung, nickte ich. Ein seltsames Piepen ließ sie zu einem der Monitore zurückblicken, bevor ich noch mehr sagen konnte. Da ihre Aufmerksamkeit wieder ihrer Arbeit galt, dachte ich darüber nach, wann das letzte Mal jemand Interesse an meiner sexuellen Orientierung gezeigt hatte.
Ich hatte mich schon vor langer Zeit an die unterschiedlichen Reaktionen der Menschen darauf, dass ich homosexuell war, gewöhnt. Schon als Teenager hatte ich herausgefunden, worauf ich stand, und es waren weder Mädchen noch Blümchensex. Die damalige intensive Berichterstattung über HIV in den Medien hatte meinen Eltern Angst gemacht, als ich ihnen von meiner sexuellen Orientierung erzählte. Sie waren schockiert, aber sie machten sich mehr Sorgen, ob ich mir eine Krankheit zuziehen könnte, die mich töten würde. Nachdem sie sich jedoch informiert hatten, gingen sie schließlich gelassener damit um – alle in der Familie mit Ausnahme meiner Großeltern mütterlicherseits. Als Teenager war es schwer gewesen, wenn sie zu Besuch kamen und mich wie eine Art Krankheitsüberträger behandelten. Sie weigerten sich sogar, irgendetwas anzufassen, das ich vielleicht in der Hand gehabt haben könnte. Meine Mutter hatte schließlich aufgehört, sie zu besonderen Anlässen einzuladen, damit sie allen anderen nicht den Spaß verderben konnten.
Ich nahm an, dass mich diese Erfahrung darauf vorbereitet hatte, in die Spezialeinheit rekrutiert zu werden, wo die Männer ebenso ignorant waren. Ich hatte mich ursprünglich bei der Marine gemeldet, weil ich U-Boot-Kapitän werden wollte, aber als sich herausstellte, dass ich strategische Kampffähigkeiten besaß, führte mich meine Karriere auf einen anderen Weg. Einen Weg, der dazu führte, dass Männer versuchten, mir zu zeigen, was mit einem homosexuellen Mann in ihrer Einheit passierte.
Sie hatten jedoch schnell herausgefunden, wozu ich fähig war und was passierte, wenn sie sich mit mir anlegten. Ich lachte humorlos bei dieser Erinnerung. Die Bewegung der Krankenschwester erregte meine Aufmerksamkeit und als ich ihrem Blick begegnete, hob sie die Augenbrauen. Ich kratzte mich am Kopf. Hatte ich etwas nicht mitbekommen? »Ja, es scheint, als würde meine Anwesenheit ihm tatsächlich helfen. Zumindest darf ich jetzt zu ihm!«, antwortete ich, wobei der Anflug von Wut noch immer in meiner Stimme mitschwang, nachdem sie mich durch alle möglichen Hürden geschickt hatten, um Ferron sehen zu dürfen.
Ein leichtes Erröten zeigte sich auf ihrem Gesicht, aber sie reagierte nicht auf meine Stichelei. »Warum nehmen Sie nicht den Stuhl dort drüben und halten seine Hand? Berührungen können für Patienten sehr therapeutisch sein.« Ich nahm das Friedensangebot an und ging hinüber, um mir den Stuhl an der Wand zu schnappen.
Jeder Raum war gleich aufgeteilt, wobei das Bett in der Mitte des Raumes stand. Maschinen standen zu beiden Seiten des Bettes. Einige waren an Stangen befestigt, andere auf dem Boden. Hinter dem Bett befanden sich große Fenster, die Licht hereinließen, aber der Blick fiel nur auf Backsteinmauern und den Himmel.
Als ich mich hinsetzte, schmeckte die verbleibende Wut bitter auf meiner Zunge. Das Krankenhauspersonal hatte sich von Anfang an strikt dagegen gewehrt, dass ich mich Ferron auch nur annäherte – laut ihren Vorschriften war der Zutritt nur für nächste Angehörige gestattet. Also musste ich beweisen, dass Ferron bei mir wohnte und dass ich in jeder Hinsicht sein nächster Angehöriger war.
Ich war dankbar, dass Nathan, mein Chef, meinen epischen Zusammenbruch verpasst hatte. Er war anderweitig beschäftigt gewesen – mit Lenny, seinem verletzten Freund. Dass ich es geschafft hatte, während dieser ganzen Tortur die Fassung zu bewahren, war immer noch ein Wunder. Aber da Nathan immer noch verzweifelt darüber war, dass Lenny zusammen mit Ferron entführt worden war, musste einer von uns einen kühlen Kopf bewahren. Nicht, dass das einfach gewesen wäre, nachdem ich mit angesehen hatte, wie dieser Mistkerl das, was uns am meisten am Herzen lag, an sich riss und einem brutalen Angriff aussetzte. Es hatte mich meine ganze Selbstbeherrschung gekostet, mich unter Kontrolle zu halten, als dieser Bastard meine Welt auseinandergerissen und Hoffnungen und Träume zerstört hatte, die ich seit vielen Jahren gehegt hatte. Träume, die ich vom ersten Moment an, als ich Ferron zum ersten Mal erblickte, tief in meinem Herzen verschlossen hatte.
Erinnerungen an jenen Tag strömten mir durch den Kopf.
Ich wischte das verschüttete Bier auf der Theke weg, blickte auf und schenkte dem nächsten Gast ein Lächeln. »Was darf es sein …?«
Augen, so strahlend wie der blaue Himmel, starrten mich nervös an und raubten mir den Atem. Ich ballte die Hand, mit der ich das Tuch hielt, so fest zu einer Faust, dass meine Knöchel weiß wurden, während ich meinen Blick wieder auf die Theke senkte und gedanklich abdriftete. Hitze stieg mir in den Nacken und ich schluckte schwer, bevor ich mich zwang, wieder zu dem verführerischsten Gesicht aufzublicken, das ich je gesehen hatte. Triebe, die ich normalerweise ignorierte, kamen schnell an die Oberfläche. Meine anfängliche Suche nach dem perfekten Jungen, die ich begonnen hatte, als ich neu in der Szene war, war völlig erfolglos geblieben, also hatte ich dieses Verlangen begraben. Zumindest bis jetzt. Jetzt konnte ich mir nur noch vorstellen, wie der Mann, der vor mir stand, sich in meinen Schoß kuschelte und mit diesen bezaubernden Augen zu mir aufblickte.
Verdammt!
Ich hatte gar nicht bemerkt, dass er nicht allein war, bis der Freund neben ihm ihn anstupste. Ich kniff die Augen zusammen, als ich mich daran erinnerte, wer der andere Typ war: Wren. Er war ein Sub, den ich für ein oder zwei Nächte engagiert hatte. Wren mochte Schmerz und er war mehr als bereit gewesen, alles zu ertragen, was ich ihm zugemutet hatte. Mein Blick wanderte zurück zu dem Mann, der unruhig neben Wren stand. Stand dieser Typ auf dasselbe? War er nur auf der Suche nach jemandem, der ihm Schmerzen zufügte? Der Gedanke bedrückte mich und ich musste mich bemühen, meine Schultern nicht hängen zu lassen. »Was kann ich euch zu trinken bringen?« Ich blickte zwischen den beiden Männern hin und her und hatte dabei meine Augenbrauen fragend hochgezogen.
»Hast du eine Cocktailkarte?«, lautete die schüchterne Antwort des unbekannten Mannes.
»Wartet kurz. Ich gebe euch eine.« Ich drehte mich um, um sie zu holen. Seine Stimme klang wie warmer, geschmolzener Honig und Hitze durchflutete meinen Unterleib. Ich holte zittrig Luft, als mein Blick den des Mannes im Spiegel hinter der Bar traf. Er hielt meinen Blick für eine endlos lange Sekunde fest, bevor er sein Kinn sinken ließ und den Blickkontakt unterbrach.
Der Stuhl quietschte, als ich mich darauf bewegte, und ich blinzelte, um Ferron, der wieder schlief, erneut scharf vor Augen zu haben. Die Gefühle, die er seit jener ersten Nacht in mir geweckt hatte, waren nie verblasst. Tatsächlich waren sie mit der Zeit stärker geworden und hatten Wurzeln geschlagen, was eine Angst vor dem Unbekannten mit sich brachte – ein Teil von mir erkannte sofort, dass er meine Welt verändern würde. Nur war ich zu feige gewesen, die Initiative zu ergreifen.
Während ich gezögert hatte, hatte Ferron sein Augenmerk auf Carl gerichtet. Also hatte ich meine wachsenden Gefühle für ihn für mich behalten und dabei zugesehen, wie Carl Ferrons Hoffnungen auf mehr als nur Playdates zunichtemachte. Dann war Ferron verschwunden und hatte monatelang niemanden kontaktiert. Nathan hatte beiläufig erwähnt, dass er ihn mit einem Dom gesehen hatte. Einem Dom, der sich als verrückter Arsch entpuppt hatte und der Grund dafür war, dass Ferron im Krankenhaus lag. Ich strich ihm sanft die Haare aus dem Gesicht und fuhr mit einem Finger über die auffälligen Blutergüsse. Wut brodelte in mir, aber ich blieb sanft.
Würden wir jemals eine Pause bekommen? Würde Ferron jemals erkennen, was die ganze Zeit direkt vor ihm gelegen hatte? Nämlich ich.